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Hugenotten im Warndt
erstellt am 31/1/2008
Religion und regionale Wirtschaft im 16.-20. Jahrhundert
Quelle: link www.memotransfront.uni-saarland.de

Die Fluchtbewegung der frankophonen Hugenotten brachte seit dem 16. Jahrhundert soziale, sprachliche und wirtschaftliche Veränderungen in den lothringisch-saarländischen Grenzraum, die bis heute nachwirken. Die hugenottischen Ansiedlungen im Warndt lösten dabei die nachhaltigste Wirkung aus; intensive grenzüberschreitende soziale Beziehungen existieren seit dem 17. Jahrhundert bis heute in diesem Abschnitt der Grenze. Die Hugenotten brachten die Glasindustrie an die Saar, die ihrerseits weitere regionale Wirtschaftsimpulse auslöste. Zusammen mit den frühen Eisenhütten an der Saar wurde die Glasindustrie zur Schrittmacherin des systematischen Abbaus von Saarkohle im 18. und 19. Jahrhundert. Die Glasindustrie blieb bis ins 20. Jahrhundert einer der wichtigsten regionalen Wirtschaftszweige. Die Standortwahl der ersten hugenottischen Glasmacherfamilien für eine neue Ansiedlung in Creutzwald ging über eine rein wirtschaftliche Entscheidung, wie sie im Wandergewerbe der Glasmacher üblich war, weit hinaus. Die freien Handwerker mit ausgeprägtem Standesbewußtsein, deren reichste Vertreter nicht umsonst „gentilhommes verriers” (=Glasedelleute) genannt wurden und zum niederen Adel zählten, wanderten aus einem Territorium ab, sobald das Holz knapp war und die Glashütten geschlossen werden mußten, oder die Landesherren ihnen nicht genug Privilegien boten. Sie zogen stets einen Stamm von Facharbeitern mit sich. Zu dieser Wanderexistenz gehörte es, eine oder mehrere Glashütten am Rande eines Territoriums und bald darauf hinter der Grenze im nächsten Territorium zu gründen, so wie es beispielsweise die Glasmacherfamilie Raspiller tat. Das Buntsandstein-Waldgebiet des Warndt, das am Ostrand des Herzogtums Lothringen begann, bot den reformierten Familien neben einer günstigen Rohstoffsituation für ihr Gewerbe noch einen weiteren wichtigen Vorteil: Von diesem Punkt aus konnte man bei einer eventuellen Verschärfung der lothringischen Konfessionspolitik mühelos in das benachbarte Territorium der protestanischen Grafen von Nassau-Saarbrücken ausweichen. Für den Grafen Ludwig boten die neuen Bürger in Ludweiler ebenfalls Vorteile. Ihr Gewerbe paßte in die (schon unter Graf Philipp III. begonnene) staatlich geförderte Wirtschaftsentwicklung des Warndt. Auch nach der Ansiedlung der Eisenschmelze von Geislautern (1585) sicherte Graf Ludwig 1605 den dortigen calvinistischen Arbeitern religiöse Freizügigkeit zu. Die Untertanenzahl zu erhöhen und wirtschaftlich produktive Menschen ins Land zu holen entsprach der zeitgenössischen merkantilistischen Wirtschaftspolitik. Mit der Ansiedlung von Glasmachern wurde die wirtschaftliche Bandbreite der eisenverarbeitenden Betriebe im Warndt um Flach- und Hohlglasproduktion erweitert. Ludweiler behielt für anderthalb Jahrhunderte die Rolle eines religiösen Zentrums für alle im Warndt beiderseits der Grenze lebenden frankophonen Reformierten.

„Résistez!” Spuren einer Religionsflucht des 16. und 17. Jahrhunderts

Seit Mitte des 16. Jahrhunderts hatten Familien aus allen Schichten der lothringischen Gesellschaft das Herzogtum verlassen, einige wanderten in Richtung Nassau-Saarbrücken und siedelten sich hier in sogenannten „welschen Dörfern” des Krummen Elsaß an. Der Weg der Hugenotten von Frankreich nach dem heutigen Saarland läßt sich im Rossel- und Bisttal, d. h. im Warndt diesseits und jenseits der heutigen Grenze, besonders eindrucksvoll verfolgen. In diesem Landstrich ließen sich seit 1601 viele Menschen französischer Sprache und reformierter Konfession nieder, die ihres calvinistischen Glaubens wegen ihre Heimatorte in Frankreich und dem Herzogtum Lothringen verlassen mußten. Mit einer Verschärfung der Situation war jederzeit zu rechnen, da die lothringischen Herzöge eine noch rigidere Religionspolitik verfolgten als die französischen Könige – das Toleranzedikt von Nantes galt weder in Lothringen noch im damals mit ihm vereinigten Herzogtum Bar. Dagegen übten die Grafen von Nassau-Saarbrücken eine relativ liberale Religionspolitik aus. Nach dem Separatfrieden Lothringens mit Frankreich (1659) wurden die lothringischen Hugenotten zunehmend unter Druck gesetzt, ihre Lage verschärfte sich gegen Ende des 17. Jahrhunderts stetig. Das Revokationsedikt von Fontainebleau (Oktober 1685) hob das Toleranzedikt von Nantes (1598) auf, untersagte ihnen endgültig die öffentliche Religionsausübung, befahl die Zerstörung ihrer Kirchen und die Auswanderung ihrer Pfarrer, verbot zugleich den übrigen Gemeindemitgliedern unter Androhung schwerer Strafen die Auswanderung. Der Besitz von schon Geflüchteten wurde konfisziert, es sei denn, sie kehrten innerhalb von vier Wochen zurück. Die Hugenotten, deren Motto „Résistez!” (=Widersteht!) ihre soziale Gruppe innerhalb der feindlich gesonnenen Umwelt stets zusammengehalten hatte, entschlossen sich zur Massenflucht. Als die Hugenotten aus Metz und Umgebung in der Nacht vom 21./22. Oktober 1685 aufbrachen, um über Deutschland nach Holland zu fliehen (Luxemburg und Belgien gehörten zu den Spanischen Niederlanden), siedelten sich einige aus Courcelles kommende Familien in Ludweiler an. Die Hugenottenverfolgung betraf inzwischen jedoch auch die Grafschaft Saarbrücken, die während der Reunionskriege von Frankreich okkupiert worden war (1680). Ab 1686 wurde in der Saarprovinz diese repressive Konfessionspolitik aber nicht mit der gleichen Brutalität umgesetzt wie im restlichen Frankreich und in Lothringen. 1687 erließ der französische Intendant der Saarprovinz ein Edikt, das den Hugenotten Religionsfreiheit für die nächsten zehn Jahre zusicherte. 1697 fiel Nassau-Saarbrücken im Frieden von Rijswijk wieder an das deutsche Kaiserreich. Für die französischen Hugenotten entspannte sich die Lage ab den 1730er Jahren; dem entsprach das Toleranzedikt von Versailles (1787). Erst die französische Revolution verschaffte den Hugenotten völlige Bewegungsfreiheit.

Gerhild Krebs

Quellen und weiterführende Literatur
saarlandbilder