Saar Streik 1892 Rechtsschutzverein
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letzte Änderung: 19/11/2006

Mit Rechtsschutz-Revolvern zogen sie in den Arbeitskampf

Der größte und längste Streik an der Saar im 19. Jahrhundert endete mit einem Fiasko

"Rechtsschutz-Revolver 9 mm" bot der Waffenhändler Hugo Dullens aus St. Ingbert 1892 in Anzeigen den Lesern des "Boten von der Saar" an. Bei den Mitgliedern des gewerkschaftlichen "Rechtsschutzvereins für die bergmännische Bevölkerung des Oberbergamtsbezirks Bonn" (RSV) stießen solche und ähnliche Offerten anscheinend auf Interesse. Denn als am 29. Dezember 1892 der größte und längste Streik an der Saar im 19. Jahrhundert ausbrach, waren die Aktivisten gut gerüstet.

Für die Gegenseite kam der Ausstand überraschend - obwohl sie ihn provoziert hatte -, aber er war ihr durchaus recht. Wegen der ungünstigen konjunkturellen Verhältnisse gegen Ende des Jahres 1892 schreckte ein Arbeitskampf die Betreiber der Saargruben, die fast ausschließlich dem preußischen Staat gehörten, wenig. Der Landrat von Saarbrücken, Alfred Georg Bake, beurteilte nach den ersten Streikvorbereitungen in einem Brief an den zuständigen Regierungspräsidenten vom 9. Dezember 1892 die Haltung der Unternehmer treffend: "Bei den augenblicklich schlechten Absatzverhältnissen würde ein Ausstand der Bergverwaltung kaum sehr unerwünscht kommen, die Bergleute würden über kurz oder lang aufgeben müssen."

In der Tat war der Zeitpunkt für einen Arbeitskampf äußerst ungünstig, da der Bergbau ein Sinken der Kohlepreise und einen Rückgang des Verkaufs zu verzeichnen hatte. Ein Streik mußte bei solchen Bedingungen fast zwangsläufig scheitern.

Den Saarbergleuten fehlten jedoch weitgehend eigene Erfahrungen mit Streikstrategien und -taktiken und die Warnungen des Verbandes deutscher Bergleute, der Sozialdemokratischen Partei Deutschlands und anderer "unberufener" Ratgeber wurden nicht beachtet.

In dem Streik sahen viele Saarkumpel die einzige Möglichkeit, ihr wirtschaftliches Elend zu überwinden. Die Bergarbeiterschaft könne dem Ausgang des Arbeitskampfes ruhig entgegensehen, hieß es im RSV-Organ "Schlägel und Eisen" vom 14. Dezember 1892, "denn viel steht bei ihr nicht auf dem Spiel. Ob sie arbeitend hungern, oder das gleiche ohne Beschäftigung zu thun gezwungen ist, gilt fast gleich".

Der konjunkturelle Einbruch im Bergbau traf vor allem die Arbeiter, die staatlichen Gruben erzielten weiterhin Überschüsse, während die Löhne drastisch sanken. Der Schichtverdienst ging bei den Beschäftigten der Saarbergwerke durchschnittlich um rund 40 Prozent zurück. In dieser Situation konnten die Bestimmungen eines Anfang November 1892 veröffentlichten Entwurfs für eine neue Arbeitsordnung nur als Provokation empfunden werden. Sie bedeuteten nicht nur die Fortsetzung des autoritären Unternehmerregimes im Betrieb und teilweise in der Freizeit, sondern zusätzliche massive Lohneinbußen, besonders für unter 25jährige Arbeiter.

Die Möglichkeiten der Bergarbeiterschaft, ihre Wünsche in die Arbeitsordnung einzubringen, waren schon durch die kurze Zeitspanne bis zum Inkrafttreten begrenzt. Nicht einmal zwei Monate blieben seit der Veröffentlichung des Entwurfs Anfang November 1892. Die den Werksvertretern von den Arbeiterausschüssen vorgelegten Änderungsanträge wurden abgelehnt.

Die Verbitterung unter den Bergleuten wuchs. Weitere Lohnkürzungen heizten die Stimmung an. Vor 2.000 Bergleuten verlangte am 8. Dezember 1892 der RSV- Vorsitzende Nikolaus Warken in Bildstock: "Wir müssen uns selbst helfen, wie wir uns 1889 geholfen." Warnungen anderer Vorstandsmitglieder, der Verein sei "zu schwach und zu arm ..., um einen Streik mit Erfolg durchzuführen" wurden mißachtet. Die Versammelten beschlossen die Kollektivkündigung zum 1. Januar 1893 und wählten ein Streikkomitee.

In anderen Orten zogen die Kumpel nach. Am 28. Dezember 1892 wurde schließlich auf zwei von rund 4.000 Bergleuten besuchten Versammlungen in Bildstock entschieden, am folgenden Tag in den Ausstand zu treten.

6.475 Kumpel legten am 29. Dezember 1892 im Revier die Arbeit nieder. Einen Tag später streikten bereits 14.220 Bergleute. Am 2. Januar 1893 wurden 25.326 Ausständler registriert, 83 Prozent der Belegschaften; der Arbeitskampf hatte seinen Höhepunkt erreicht. Am 7. Januar fehlten in den Gruben noch 21.153 Beschäftigte.

Drei Tage darauf wurden 491 "Hauptagitatoren" für immer abgelegt und die fiskalische Bergwerksverwaltung kündigte weitere Maßregelungen an: "Ferner werden, da die schlechte Lage des Kohlengeschäfts eine Verminderung der Belegschaft notwendig macht, außerdem von den Auständigen mindestens zwei bis drei Tausend Mann bis auf Weiteres von der Grubenarbeit zurückgewiesen werden."

Die unverhüllte Drohung ließ die Zahl der Streikenden radikal zurückgehen. Am 14. Januar befanden sich nur noch 8.097 Bergleute im Ausstand. Vier Tage später wurde der Arbeitskampf abgebrochen. Am 19. Januar 1893 waren 2.457 Bergleute arbeitslos.

Von Beginn an wurde der Arbeitskampf auf beiden Seiten mit außergewöhnlicher Härte geführt, wie der Wissenschaftler Horst Steffens nachwies. 800 Revolver seien in den letzten Dezembertagen an Bergleute verkauft worden, berichtete das Bürgermeisteramt Weiskirchen am 29. des Monats. Erste Ausschreitungen gab es schon vor dem Streik. Als am 18. Dezember in Mallstatt ein Wirt einer dorthin einberufenen Bergarbeiterversammlung seinen Saal nicht zur Verfügung stellen wollte, machten die Kumpel ihrem Unmut Luft, indem sie "revolutionäre Lieder singen und sich ganz ungebärdig betragen", meldete ein Schutzmann. Die Festnahme einiger Bergleute quittierten ihre Kameraden mit Angriffen auf die "Ordnungshüter". "Der Transport dieser Festgenommenen geschah in der erdenklichst schwierigsten Weise, da nunmehr auch anscheinend mit Steinen, oder anderen harten Körpern nach uns geworfen und hierdurch Gendarm Schlarb am Kopfe schwer verletzt wurde. In der Höhe des Hotels Löwenbräu erfolgte ein besonders heftiger Angriff gegen die Beamten, weshalb diese eine Anzahl Schüsse aus ihren Revolvern in die Luft abfeuerten, um ihre Angreifer vom Leibe zu halten." So die amtliche Version dieser Vorgänge.

Um den Streikenden die Führung zu nehmen, wurden gleich zu Beginn des Ausstandes einige Vorstandsmitglieder des RSV inhaftiert. Warken kam am 31. Dezember ins Gefängnis, weil er dazu aufgerufen hatte, "Rechtsschutzrevolver" zu kaufen.

Während des Arbeitskampfes richteten sich die Aggressionen der Ausständler vor allem gegen die Streikbrecher. Die "Mauschbacher" mußten wohl manchmal um ihr Leben fürchten, wenn sie den Drohungen der Streikenden glaubten.

In vorderster Front setzten sich die Bergarbeiterfrauen für die Ziele des Arbeitskampfes ein. Statt - wie üblich bei solchen Auseinandersetzungen - ihre Männer zur Wiederaufnahme der Arbeit zu drängen, wenn die Löhne längere Zeit ausblieben, zeigten sie sich ungewöhnlich engagiert. Das fiel auch der bürgerlichen Presse auf: "Eine ganz neue Erscheinung in dem Ausstande ist die Betheiligung der Frauen. Bei dem letzten Ausstande blieben die Frauen zu Hause und riethen theilweise den Männern vom Ausstande ab. Diesmal sind es die reinsten Furien, alte und junge Mütter reizen Gatten und Söhne zum Ausstand an und entfalten eine agitatorische Thätigkeit, die ihres Gleichen sucht... Überall im ganzen Gebiete ziehen die Frauen jedes Alters mit in die Versammlungen und höhnen und schmähen in den gemeinsten Ausdrücken die arbeitswilligen Bergleute und deren Frauen", berichtete die "Kölnische Zeitung".

Im Ruhrgebiet rief der Verband deutscher Bergleute zu einem Solidaritätsstreik auf. Kurzzeitig waren 21.390 Mann von rund 145.000 Bergleuten im Ausstand. Viele von ihnen wurden für längere Zeit oder für immer ausgesperrt, etliche erhielten Gefängnisstrafen.

Zu insgesamt mehr als einem Dutzend Jahren Gefängnis wurden auch Beteiligte des Streiks an der Saar verurteilt.

Mit ihrem Kampfgeist lösten die Saarkumpel Erstaunen aus, denn sie galten nicht gerade als Avantgarde des Proletariats. Deshalb überraschte auch schon ihre massive Beteiligung an den reichsweiten Bergarbeiter- Streiks 1889. In der ein Jahr später erschienenen Erzählung "Kaiser und Arbeiter" erinnerte sich Herbert Freimuth: "Und an der Saar? Eher hätte man des Himmels Einsturz erwartet als eine Auflehnung der hier in den staatlichen Gruben beschäftigten 25.000 Arbeiter. Sie waren ja so willig und gehorsam, so unterwürfig und zahm, wie man sie nur wünschen konnte. Und die Wahlen fielen so aus, daß man stets in Berlin der königlichen Gruben an der Saar, welche keinen 'reichsfeindlichen' Einflüsterungen Gehör gaben, sich brüsten konnte".

Wegen ihres Vertrauens auf das Wohlwollen des Kaisers gegenüber allen seinen Untertanen und ihrer Religiosität, die sie den Parolen der Kirchen und der nahestehenden Organisationen geneigt machte, stießen die Bergleute aus dem Saargebiet in der überwiegend sozialdemokratisch geprägten Arbeiterbewegung auf Mißtrauen, zumal die Versuche der SPD, dort Anhänger zu gewinnen, wenig erfolgreich waren.

Doch mochte den Kumpeln an der Saar die politische Gegnerschaft zum kaiserlichen Obrigkeitsstaat fast völlig fehlen, sie waren keineswegs so angepaßt, wie die Unternehmer es wünschten und viele Arbeiterfunktionäre aus dem übrigen Deutschland vermuteten.

Zwar hingen sie immer noch sehr an der traditionellen Methode, auf Arbeitskonflikte mit Bittschriften und Eingaben zu reagieren, aber gewerkschaftliche Kampfformen fanden seit 1889 zunehmend Anklang. Dazu trug entscheidend die Gründung des RSV in jenem Jahr bei, der 1891 nach amtlicher Erkenntnis den enormen Organisationsgrad von 68 Prozent vorweisen konnte. Nur die Glacéhandschuhmacher sollen diesen Wert noch übertroffen haben.

Nach den Statuten war der RSV überkonfessionell und parteipolitisch unabhängig. Faktisch wurde er vor allem durch den Katholizismus geprägt. In der Frühphase hatte das Zentrum einen entscheidenden Einfluß. Als sich der RSV jedoch immer weniger auf das Petitionieren verließ und zu gewerkschaftlichen Mitteln der Konfliktregelung überging, wandte sich die Partei von dem "Streikverein" ab. Versuche der Sozialdemokratie, eine dominierende Rolle im RSV zu übernehmen, scheiterten.

Die Gegner des RSV nutzten das Negativ-Image der SPD in der Saararbeiterschaft trotzdem zur Bekämpfung der Organsation, deren Führer als Sozialdemokraten diffamiert wurden, wogegen sich auch die Partei wehrte.

Bei der Hetze gegen wirkliche und vermeintliche Sozialdemokraten tat sich besonders der saarländische Eisenindustrielle Carl Ferdinand Freiherr von Stumm- Halberg hervor, dessen Regime im Bereich seiner Unternehmen sogar von Herders Konversations-Lexikon aus dem Jahr 1907 als "selbstherrlich" bezeichnet wurde. "Königreich Stumm" und "Saarabien" waren Namen für das von ihm beherrschte Land. "Herr von Stumm sieht in jedem Arbeiter einen Sozialdemokraten" warf ihm am 31. Dezember 1892 im Reichstag der SPD-Abgeordnete Ignaz Auer vor. "Nein? Ich bitte Sie, meine Herren: Er sieht nur in demjenigen Arbeiter keinen Sozialdemokraten, der platt auf dem Bauche vor ihm liegt und sich jeden Fußtritt von ihm gefallen läßt."

Mit ihren Attacken gegen den RSV hatten seine Kontrahenten nur teilweise Erfolg. Sie führten besonders an den Rändern des Reviers zu Austritten und mangelnder Beitragszahlungsmoral.

In der zweiten Hälfte des Jahres 1892 stiegen die Mitgliederzahlen aber wieder und die Beiträge kamen regelmäßiger. Offensichtlich erhofften sich die Bergleute in der Krise dieser Branche vom RSV Hilfe zur Verbesserung ihrer eigenen ökonomischen Situation. Von der Niederlage im Streik erholte sich der RSV nicht wieder. Am 27. August 1896 wurde er offiziell aufgelöst.

Astrid Brand, 1987
Verwendung nur mit Zustimmung der Autorin

Bildstock | saarlandbilder


Quelle: link www.uni-saarland.de

Bildstock, Rechtsschutzsaal
Quelle: link www.uni-saarland.de

Damals:

Der Rechtsschutzsaal in Friedrichsthal-Bildstock kann als die Geburtsstätte der Gewerkschaftsbewegung an der Saar bezeichnet werden. Er ist das älteste Gewerkschaftshaus Deutschlands. Bis in die achtziger Jahre des 19. Jahrhunderts war es in der Saarregion kaum zu Streiks gekommen, trotz sehr schlechter Arbeitsbedingungen unter der Königlich Preußischen Bergwerksdirektion. Erst als Verhandlungen über bessere Lebens- und Arbeitsbedingungen strikt abgelehnt wurden, kam es zur Gründung einer Gewerkschaft. Der Rechtsschutzsaal ist ein eingeschossiges Backsteingebäude, das auf 490 qm Grundfläche Platz für 980 Personen bot. Er wurde von dem Architekten Heinrich Güth entworfen. Der Bau des Saals wurde von den Mitgliedern des Rechtsschutzvereins finanziert und unterstützt mit jeweils einer Reichsmark und zwei Backsteinen. Nikolaus Kron, Gastwirt in Bildstock und Kassierer des Rechtsschutzvereins stiftete das Grundstück. Im Mai 1891 konnte die Grundsteinlegung für den Rechtsschutzsaal stattfinden. Dieses Versammlungshaus ist für damalige Verhältnisse einmalig. Die Einweihung fand trotz massiver Behinderungen durch die Behörden im September 1892 statt. Der Gründer des "Rechtsschutzvereins für die bergmännische Bevölkerung des Oberbergamtsbezirks Bonn" und Erbauer des Saals war Nikolaus Warken (1851-1920) aus Hasborn bei Tholey. Er wurde von seinen Kameraden "Eckstein" genannt, ein Gedenkstein erinnert heute noch an ihn. Schon im Januar 1893 ging der Rechtsschutzverein in Konkurs und im Dezember wurde er an eine Neunkircher Brauerei verkauft. Der Erlös ging vollständig in der Konkursmasse auf. Am 2. Januar 1895 erwarb die Königlich Preußische Bergwerksdirektion den Rechtsschutzsaal. Nach der Jahrhundertwende wurde der Saal als Schulhaus umgebaut. In den Folgejahren war die Nutzung unterschiedlich. Schließlich diskutierte man sogar über einen Abriß. Die Saarbergwerke AG war bis 1989 Besitzer des Gebäudes, danach überschrieb sie es der Stadt Friedrichsthal. Mitte 1995 wurden der "Stiftung Rechtsschutzsaal" Eigentum und Verwaltung des Gebäudes übertragen.

Heute:

Heute ist der Rechtsschutzsaal aus geschichtlichen und historischen Gründen ein Kulturdenkmal im Sinne des saarländischen Denkmalschutzgesetzes. Vor sechs Jahren hat man mit Sanierungsarbeiten begonnen, und seitdem wurden mehr als drei Millionen DM in die Wiederherstellung als Veranstaltungsort investiert. Die Kosten hat das Land übernommen, die Saar-Toto-Gesellschaft hat das Projekt mit weiteren Finanzmitteln unterstützt. Das Gebäude bietet jetzt wieder vielfältige Nutzungsmöglichkeiten. Für verschiedene Veranstaltungen stehen das Foyer, der große Saal und ein Seminarraum zur Verfügung.