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Das Fördergerüst am Großschacht Göttelborn IV
66287 Quierschied, Stadtverband Saarbrücken
erstellt am 22/2/2005

Serie Wahrzeichen des Saarbergbaus (Teil 33): Das Fördergerüst am Großschacht Göttelborn IV Quelle: link www.delfslotta.de

Ein Bergwerk der Superlative und Tausende geplatzte Träume


Avantgardistische Architektur an der 90 Meter
hohen Gesamtkonstruktion.
Photo: Delf Slotta – link www.delfslotta.de

1988 beschloss die Saarbergwerke AG ihr so genanntes "Drei-Standorte-Konzept".

Ziel war eine künftig noch effektivere und nach strengen Kostenkriterien orientierte Kohleförderung an der Saar. Das Konzept sah im Einzelnen vor, durch die Schaffung dreier leistungsstarker Großbergwerke den Energie- und Wirtschaftsstandort Saar sichern zu helfen. Dieses waren das Bergwerk Ensdorf sowie die Verbundbergwerke Warndt/Luisenthal und Göttelborn/Reden.

In Umsetzung dieses Beschlusses wurde der traditionsreiche Grubenstandort Göttelborn zur Großbaustelle. Das neue Verbundbergwerk Ost konzentrierte das untertägige und übertägige Betriebsgeschehen der zum damaligen Zeitpunkt noch selbständigen Gruben Göttelborn und Reden auf nur noch einen Förderstandort, nämlich Göttelborn. Zudem wurde die Lagerstätte der Grube Camphausen in den Verbund eingebracht. In der Folge drängten sich vor allem an den Wochenenden Hunderte von Schaulustigen an den Werkszäunen, um das Baugeschehen zu beobachten, wobei in erster Linie das rasche Wachsen des Fördergerüsts über dem neuen Schacht IV die Menschen nach Göttelborn zog. Dieser sollte vielfältige Funktion übernehmen. Zum einen sollte hier die gesamte Rohkohle des neuen Verbundbergwerks gehoben werden. Zum anderen wurde er als zentraler Seilfahrtsschacht zur Personenbeförderung, als zentraler Versorgungsschacht für Material, Ver- und Entsorgungsleitungen und als zentraler Frischwetterschacht konzipiert.


Fördergerüst Göttelborn im Aufbau
Photo: Delf Slotta – link www.delfslotta.de

Die Arbeiten an diesem Meisterwerk der Technik begannen am 15. Januar 1990. Am 5. Dezember 1990 setzten mit dem "Ersten Kübel" die Teufarbeiten ein. Am 31. März 1992 war der Schacht von der Erdoberfläche 1063 Meter bis zur 6. Sohle niedergebracht worden. Im November waren die "Großräume" unter Tage fertig gestellt und am 15. Dezember 1992 der tiefste Punkt des Schachtes (1160 Meter) erreicht. Von Dezember 1990 bis Dezember 1992 waren monatlich bis zu 80 Meter Schacht fertig gestellt worden. Der Schachtdurchmesser beträgt 9 Meter. Hiervon abzuziehen ist die Dicke der Betonschachtwand von 35 cm. Somit verfügte die fertige Schachtröhre über einen nutzbaren Querschnitt von 8,30 Meter. Am 21. Oktober 1994 wurde dann die Fertigstellung des avantgardistisch anmutenden Fördergerüstes feierlich begangen. Die knapp 90 Meter hohe Konstruktion war schon während des Baus zum neuen Wahrzeichen der Region und zum spektakulärsten Bauwerk im gesamten Saarbergbau avanciert. Die Fertigung und Errichtung des Fördergerüstes oblagen den Firmen PWH in St. Ingbert-Rohrbach und DSD in Dillingen. Daneben demonstrierten aber auch mehrere Baufirmen und viele Handwerksbetriebe der unterschiedlichsten Gewerke beim Bau des "Weißen Riesen" ihre Leistungsfähigkeit. Die gewaltige Höhe des Gerüsts war erforderlich, um das rund 27 Meter hohe Fördergefäß vollständig über die Erdoberfläche bis hin zur Entladebühne heben zu können. Die vier riesigen Stützen des Gerüsts sind quadratisch und haben einen Umfang von 9,6 Metern. Mit Hilfe eines Spezialkrans mussten die teilweise bis zu 110 Tonnen schweren Stahlträger aufgestellt werden. Das Gesamtgewicht des Gerüsts beträgt 1500 Tonnen. Die Seilscheiben sind auf der 74,3 Meter-Bühne montiert. Jede hat einen Durchmesser von 7,5 Metern. 1995 wurde die östliche Fördereinrichtung realisiert. Das 7,5 Megawatt (10 000 PS) starke elektrische Förderaggregat lässt Nutzlasten bis zu 34 Tonnen zu. Entsprechend ergeben sich Förderleistungen von rund 1000 Tonnen pro Stunde. Erreicht werden diese Leistungen bei Geschwindigkeiten von 18 Meter pro Sekunde (ca. 65 km/h). Bei Personenfahrt beträgt die Geschwindigkeit lediglich 12 Meter pro Sekunde. (ca. 43 Kilometer pro Stunde). Dabei können bis zu 93 Bergleute pro Fahrt befördert werden. Der Durchmesser der Stahlseile, an denen die Förderkörbe hängen, beträgt 68 Millimeter. Die maximale Förderkapazität sah pro Tag nach Fertigstellung der zweiten Fördereinrichtung 28 000 Tonnen pro Tag vor.

Diese zweite Förderanlage wurde schon nicht mehr aufgestellt. Vielmehr wurde am 1. September 2000 die letzte Schicht auf dem hochmodernen Grubenstandort Göttelborn gefahren. Der Plan, mit Hilfe einer Großinvestition den Verbund Göttelborn/Reden zu einer den leistungsfähigsten Förderanlagen im europäischen Bergbau zu machen, war im November 1997 aufgegeben worden. Sinkende Kohle-Subventionen hatten weitreichende Anpassungsmaßnahmen im Ruhr- und Saarbergbau erforderlich gemacht. Das, was bei der Fertigstellung der Fördergerüsts Göttelborn IV im Jahre 1994 als "Investition für die Zukunft" bezeichnet wurde, hatte sich ins Gegenteil verkehrt. Ausgegangen war der Bergbau von einem Bergwerk, das 220 Mio. Tonnen bauwürdige Vorräte hatte. Es hatte 137 Kilometer Grubenräume, war für eine Jahresförderung von ca. 2,5 Millionen Tonnen ausgelegt. Diese sollte Ihren Absatz im nah gelegenen Kraftwerk Weiher und in anderen Kraftwerken im süddeutschen Raum finden. Und es sollte vor allem ca. 4000 Beschäftigten, davon rund 3000 im Untertagebereich, Arbeit und somit eine berufliche Perspektive sichern. Göttelborn - gedacht als Ort der Zukunft, war zum Ort der Tragik, des Verlusts von Tausenden von Arbeitsplätzen und vieler individueller Zukunftsträume geworden. Mittlerweile entwickelt sich wieder neues Leben auf dem ca. 120 Hektar großen ehemaligen Grubenareal. Die Landesregierung hat beschlossen, Göttelborn zu einem Zentrum der landesweiten Strukturwandelbestrebungen zu machen. Die Industriekultur Saar als Entwicklungsgesellschaft hat 2001 hier ihren Unternehmenssitz bezogen. Das Vorhaben, die Qualitäten der Industriekultur aufzugreifen und sie "in die Zukunft zu denken", besitzt hier einen faszinierenden Ort der Umsetzung und somit des Neuanfangs.

Delf Slotta

IV Steinkohle 5/2004

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