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Die Heinitzer Gaszentrale
66540 Heinitz-Dechen, Neunkirchen, Kreis Neunkirchen
erstellt am 19/2/2005

Serie Wahrzeichen des Saarbergbaus (Teil 5): Die Heinitzer Gaszentrale in Neunkirchen Quelle: link www.delfslotta.de

Unbekanntes Kleinod ist ein nationales Denkmal


Kokereigasmaschinenzentrale erbaut 1909
© link heinitz.tnmsoft.com

1847 war das nach dem preußischen Staatsminister und Chef des Bergwerks- und Hüttendepartements, Friedrich Anton Freiherr von Heinitz, benannte Bergwerk Heinitz angeschlagen worden. 1962 wurde die Grube stillgelegt, und ein Jahr später ereilte dieses Schicksal auch die angeschlossene Kokerei. Die Heinitzer Tagesanlagen waren einst berühmt, sie gehörten zu den umfangreichsten und eindrucksvollsten im gesamten Saarrevier. Heute hingegen läßt sich nur schwer erahnen, dass sich hier einer der leistungsstärksten Betriebe des Saarbergbaus befand.

Wer einen Eindruck von der einstigen Größe und Vielfalt der Heinitzer Tagesanlagen gewinnen will, muss auf Spurensuche gehen, denn vieles ist zwischenzeitlich verlorengegangen. 1996 hat die Kreisstadt Neunkirchen ihre drei "Neunkircher Grubenwege" zur Dokumentation der eigenen historischen Wurzeln der Öffentlichkeit übergeben.

Einer von ihnen ist Heinitz und der Nachbargrube Dechen gewidmet. Seitdem besuchen vermehrt neugierig gewordene bergbau- und heimatkundlich Interessierte diesen Neunkircher Stadtteil. Ehemalige Betriebsgebäude, Siedlungsteile, Sozialeinrichtungen, Halden, Absinkweiher und ausgedehnte Industriebrachen bilden hier eine weite, faszinierende bergbaulich geprägte Kulturlandschaft, die geradezu zur Entdeckung einlädt. Und seitdem bewundern verstärkt Menschen auch einen monumentalen Hallenbau von großer Aussagekraft undhoher ästhetischer Qualität, der zweifelsfrei zum industriekulturellen Erbe des Saarlandes gerechnet werden muß. Die Rede ist von der ehemaligen Kokereigasmaschinenzentrale.

Die alte Gaszentrale ist ein langgestreckter Bau, der sich aus zwei Teilen zusammensetzt. Der westliche Teil besitzt insgesamt elf Achsen einschließlich des mittleren Querhauses, der östliche Teil insgesamt neun Achsen. Das an einer Geländestufe liegende Gebäude besitzt an der talseitigen Schaufassade einen sorgfaltig gefügten Sandsteinquadersockel mit Strebepfeilern. Der westliche, vor Jahren renovierte Gebäudeteil, in dem ursprünglich die Koksgasmaschinen aufgestellt waren, weist eine sauber ausgeführte Stahlskelettarchitektur auf. Die beiden fünfachsigen Flügel haben in jeder Achse bogig abgeschlossene Fenster, die durch Sprossen kleinteilig gegliedert sind. Jedes Fenster weist zudem eine mittlere Unterteilung durch einen Stahlträger auf. Teilweise sind die den Eisenträgern als dekorativesAccessoire vorgeblendeten Zierleisten noch vorhanden. Oberhalb der Fensterbögen ist das Dachgesims in der Art einer Attika geschwungen an der Trauflinie weitergeführt worden, gegossene Pfeilerchen trennen jede Fensterachse von der anderen. Das zentrale Querhaus greift die Gliederung der Flügelbauten im Wesentlichen auf.

Der zweite, östliche Teil ist das ehemalige Kraftwerk. Es befindet sich in schlechtem Zustand. Nach denselben Architekturvorstellungen erbaut, beginnt der Baukörper im Westen mit einem mächtigen einschiffigen Querhaus. Es folgt ein dreiachsiger Bauteil, danach sind wieder ein Querhaus und darauf wieder ein dreiachsiger Flügel anzutreffen. Den östlichen Abschluß bildet ein jüngeres, wahrscheinlich in den 1920-er Jahren entstandenes Querhaus, das die Grundformen der älteren Querhäuser zwar aufgreift, aber durch die Stahlbetonlisenen, die vier Rechteckfenster in den beiden Geschossen und die Sechsfenstergruppe im Giebel des Mansard- Satteldachs doch erheblich vom älteren Schema abweicht. Satteldächer mit verschiedenen Firsteinrichtungen, zum Teil mit Belüfterkuppeln und Oberlichtern, schließen den mächtigen Baukörper ab, der in seinen Abmessungen und in seiner Architektur im Saarbergbau einzigartig ist.

Die herausragende Gestaltung des Großbaus leitet sich aus der richtungsweisenden Funktion ab, welche dem Bauwerk einst zugekommen ist. Heinitz war das erste Großkraftwerk des Saarbergbaus und es trug wesentlich zum Aufbau einer zentralen Kraftwirtschaft im Saarrevier bei. Mit dem Bau des Gas-Kraftwerks Heinitz war im Jahre 1904 begonnen worden. Dabei wurde das anderweitig nicht verwertbare Kokereigas der Kokerei Heinitz zur Elektrizitätserzeugung eingesetzt. Damals wurde also bereits das heute unverändert gültige Prinzip der Verstromung von "Abfall"-Energie angewendet.

Schon aufgrund dieser für den Saarbergbau und seine Kraftwirtschaft entwicklungsmäßigen Bedeutung verdient dieses Technische Denkmal erhöhte Aufmerksamkeit und Beachtung, begreift man doch in diesem Bauwerk die Anfänge eines jahrzehntelangen Ringens um gesicherte Energie. Darüber hinaus aber ist die Halle der Gaszentrale auch in architektonischer Hinsicht ein früher und richtungsweisender Bau der Industriearchitektur, der entweder unmittelbar auf den 1902 entstandenen Pavillon der Gutehoffnungshütte und der Deutzer Gasmotoren- und Maschinenfabrik auf der Düsseldorfer Industrie- und Kunstausstellung zuruckzuführen ist oder aber auf die mittlerweile berühmte Maschinenhalle des Steinkohlenbergwerks Zollern II/IV in Dortmund-Bövinghausen. Ganz offensichtlich hat sich auch in Heinitz ein früher Stahlskelettbau von großer Qualität erhalten, der in dem Jahr begonnen worden ist, in dem der Dortmunder Bau abgeschlossen werden konnte. Die Maschinenhalle in Dortmund- Bövinghausen - heute Sitz des Westfälischen Industriemuseums - ist zwischenzeitlich zum Nationalen Denkmal erklärt worden.

Es steht nichts einer ähnlichen Bewertung für das Heinitzer Beispiel entgegen. Deshalb muss es mittelfristig gelingen, diesen teilweise in schlechtem baulichen Zustand befindlichen Großbau in eine ansprechende Gestalt zu überführen.

Delf Slotta

IV Steinkohle 10/2001